Man denkt, nach einer Magenverkleinerung müsste das Leben plötzlich leichter sein. Schliesslich ist es ein riesiger Schritt – eine Entscheidung, die Mut, Hoffnung und oft auch Verzweiflung vorausgeht. Und ja, die OP ist ein Meilenstein. Aber was danach kommt, ist kein Spaziergang. Es ist ein täglicher Marathon im Kopf.
Letzte Woche stand ich im Supermarkt, vor dem Regal mit zuckerfreiem Ketchup. Ich hielt eine Flasche in der Hand und hatte plötzlich Tränen in den Augen. Nicht wegen des Ketchups. Sondern weil ich mich fragte: Warum fühlt sich das alles so schwer an?
Früher bin ich einfach einkaufen gegangen. Habe Dinge in den Wagen gelegt, ohne gross nachzudenken. Heute vergleiche ich Kohlenhydrate wie ein Geheimagent, der eine verschlüsselte Botschaft entschlüsseln muss. Jede Mahlzeit ist eine Entscheidung. Jeder Bissen ein Risiko. Wird mir davon schlecht? Bekomme ich Bauchweh? Ist das zu wenig Eiweiss?
Und das Schlimmste: Ich fühle mich oft allein. Um mich herum Menschen, die mich lieben, die sagen „Du siehst toll aus!“ oder „Ich bin so stolz auf dich!“ – und trotzdem bin ich innerlich auf einem anderen Planeten. Während andere Pizza bestellen, rechne ich im Kopf meine Makros durch und überlege, ob ich mir den Käse runterkratzen kann, ohne dass jemand merkt, dass ich den Teig unter der Serviette verstecke.
Die alten Bewältigungsmechanismen – Essen als Trost, als Belohnung, als Pause vom Leben – sind weg. Und was bleibt, ist eine Leere, die ich noch nicht ganz füllen kann. Ich muss neu lernen, wie ich mit Stress umgehe, mit Traurigkeit, mit Langeweile. Ohne Schokolade. Ohne Chips. Ohne das, was früher „funktioniert“ hat.
Und ja, es gibt viele Erfolge. Die Waage zeigt neue Zahlen. Die Kleidung sitzt anders. Aber der mentale Aufwand ist enorm. Hunderte neue Gedanken am Tag. Ständig dieses Gefühl, auf der Hut sein zu müssen. Auf einer Party nicht zu wissen, ob es etwas gibt, das ich essen kann. Und wenn ich es doch esse – ob ich danach mit Schwindel oder Übelkeit kämpfen muss.
Ich habe keine Lösung. Keine Liste mit Tipps, wie man das alles besser macht. Aber ich habe das hier:
Wenn du gerade in der Küche sitzt, vor einem Teller mit etwas, das früher dein Lieblingsessen war und heute einfach nur fremd schmeckt – du bist nicht allein.
Wenn du auf einer Feier bist und dich fragst, ob jemand merkt, dass du kaum etwas gegessen hast – du bist nicht allein.
Wenn du im Supermarkt stehst und dich fragst, warum dich eine Flasche Ketchup so aus der Bahn wirft – du bist nicht allein.
Wir sind viele. Wir kämpfen. Wir lernen. Wir stolpern. Und wir stehen wieder auf.
Du bist noch da. Du versuchst es. Du wählst jeden Tag neu.
Und das zählt.
Bleib dran. Du bist nicht allein.


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